Beispiel Eurofighter – Part 2

von Stefan Köhler

Ersatz für den Tornado?

Um die Problematik rund um den Eurofighter umfassend diskutieren zu können, muss das gesamte Arsenal der Luftwaffe in den Blick genommen werden.

Die Bundeswehr hat mehr Truppen in mehr Ländern im Einsatz als jemals zuvor … Truppen, die in einem äußerst risikoreichen Umfeld ihren Dienst versehen, wie beispielsweise in Mali. Diese Truppen benötigen Schutz und Unterstützung aus der Luft. Dabei ist keineswegs sichergestellt, dass diese Unterstützung im Einsatz immer von den Verbündeten gestellt werden kann. Der Tornado kann auf dem modernen Gefechtsfeld kaum noch bestehen, also muss eine Alternative her.

Inzwischen werden Überlegungen angestellt, entweder die F-15E Strike Eagle, die F/A-18F Super Hornet (beide von Boeing) oder die F-35A Lightning II (Lockheed Martin) als Ersatz für den Tornado zu beschaffen. Von bis zu 80 Maschinen ist die Rede … natürlich nur, wenn das die hochfliegenden Pläne zur Entwicklung eines Kampfflugzeugs der 5. Generation gemeinsam mit Frankreich nicht stört. Die Industrie bevorzugt natürlich diese Lösung, doch sollte es wirklich dazu kommen, werden wahrscheinlich 20 Jahre bis zum Erstflug vergehen. Was aber passiert bis dahin?

 

Mögliche Zwischenlösungen

Vom Mehrzweckkampfflugzeug Super Hornet gibt es neben dem Jagdbomber noch eine spezielle Variante zur elektronischen Kriegsführung, die EA-18G Growler. Diese könnte die Tornado ECR in ihrer Rolle ersetzen. Die Super Hornet / Growler dürfte die kostengünstigste Alternative darstellen. Als Trägerflugzeug ist die Reichweite ein wenig knapp bemessen, was jedoch durch Luftbetankung ausgeblichen werden kann. Die Super Hornet ist vielseitig verwendbar und bereits kampferprobt.

Die F-35A verfügt zwar über Tarnkappen-Fähigkeiten, diese sind jedoch nur gegeben, wenn keine externen Lasten unter den Flügeln mitgeführt werden. Das beschränkt die Waffenlast auf die internen Rumpfschächte, die jeweils entweder eine 907kg-Bombe oder eine 454kg-Bombe und eine Luft-Luft-Lenkwaffe aufnehmen können. Das erscheint ein wenig mager, zumindest bei einem Stückpreis (Stand 2016) von 138 Millionen US-Dollar. Und um einen Toyota vom IS in der Wüste zu bekämpfen, benötigt man nicht unbedingt ein Tarnkappen-Flugzeug. Hinzu kommen anhaltende technische Probleme, welche die Maschine oft am Boden halten.

Die neuste Version der F-15E Strike Eagle ist die F-15QA für den Katar. Sie ist mit den modernsten elektronischen Geräten und Waffensystemen ausgestattet und verfügt über zwei zusätzliche Außenstationen unter den Flügeln. Diese Version könnte man im Prinzip ohne weitere Änderungen „von der Stange“ weg beschaffen. Vom Preis her liegt die Strike Eagle zwischen der Super Hornet und der F-35, bietet jedoch erheblich mehr Leistung als die beiden anderen Muster. Auch dieses Flugzeug steht seit Jahren bei vielen Luftstreitkräften im Truppendienst und ist sehr zuverlässig.

 

In Zahlen ausgedrückt

Die F-15E ist um ein Drittel schneller als die Super Hornet und die F-35, sie kann höher und vor allem schneller steigen, was im Luftkampf lebenswichtig ist. Die Waffenlast ist mit über 11.000 Kilogramm doppelt so hoch wie bei der F/A-18F oder der Lightning II, wobei letztere die zusätzliche Bewaffnung unter den Flügeln mitführen muss und somit für das Radar erkennbar ist. Die Reichweite der F-15E beträgt in etwa das Doppelte von dem der beiden anderen Muster. Zudem kann dieses Flugzeug nahezu jede Luft-Boden-Waffe im Arsenal der Nato zum Einsatz bringen. Man bekommt also etwas für sein Geld.

Ich würde die Strike Eagle für die Luftwaffe anschaffen. Das ist aber nur meine Meinung.

 

Zurück zum Eurofighter

Andere Nutzer loben das Muster in den höchsten Tönen. Warum also hat die Luftwaffe diese Probleme?

Das ist ein wenig kompliziert. Ein Waffensystem muss nicht nur gekauft, sondern auch repariert und gewartet werden. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer: Die Ersatzteilversorgung der Bundeswehr wurde an zivile Partner übergeben, weil die Politik die (Rüstungs-)Industrie ja zur obersten Priorität erhoben hat. Dumm nur, wenn man keine Ersatzteile oder Munition in den Lagerhallen vorrätig hat. Lagerhaltung ist wenig attraktiv, sie kostet eben Geld. Braucht man dann einen Ölfilter oder eine Luft-Luft-Rakete, muss diese erst bestellt, produziert und geliefert werden. Das kann Monate dauern, denn Just-in-Time-Lieferung mag in der zivilen Wirtschaft funktionieren, sofern es sich um Schrauben oder ähnliches aus der Massenherstellung handelt, aber eben nicht bei Waffen und Munition für die Bundeswehr.

Ich meine, wie müssen wir uns das vorstellen? Soll Frau von der Leyen einen Angreifer darum bitten, seinen Angriff um ein Jahr zu verschieben, damit wir genug Zeit haben, um Munition herzustellen? Gut, fragen kostet nichts, aber ich glaube kaum, dass da ein Gegner mitspielen würde.

Hinzu kommt, dass für die überalterten Waffensysteme der Bundeswehr (CH-53, Tornado, Marder, usw.) kaum noch Ersatzteile zu bekommen sind. Für die Rüstungsindustrie ist es natürlich immer weniger lukrativ, für solche Systeme Ersatzteile herzustellen und alte Produktionslinien aufrecht erhalten zu müssen. Das führt zu steigenden Kosten und einer stetig absinkenden Einsatzbereitschaft.

 

Ein Teufelskreis

Doch es geht noch weiter: Die Simulator-Stunden der deutschen Luftwaffenpiloten wurden aus Kostengründen beschnitten. Im Durchschnitt wurden 2015 und 2016 nicht mehr als 30 Stunden pro Jahr im Simulator verbracht. Auch die von der NATO verlangten jährlichen 180 Flugstunden wurden nicht erreicht.

Aufgrund fehlender Ersatzteile bleiben die Flugzeuge am Boden und die Piloten müssen auf die Simulatoren ausweichen, um ihren Ausbildungsstand zu erhalten. Um an Geld für Ersatzteile zu kommen, streicht man die Stunden im Simulator. Als Folge davon sinkt die Einsatzbefähigung der Piloten, andere können ihre Ausbildung nicht abschließen. Das bedeutet, selbst wenn Maschinen verfügbar sind, fehlt es an ausgebildeten Fliegern.

 

So entsteht ein Teufelskreis.

 

Ein akuter Personalmangel vervollständigt die traurige Liste von Unzulänglichkeiten

Wenn dann noch sieben Eurofighter-Piloten auf einmal den Job hinschmeißen, hat das große Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft!

Ähnliches kann man in allen Teilstreitkräften beobachten. Die Kampfhubschrauber Tiger befinden sich in verschiedenen Ausrüstungszuständen, ständig werden Nachbesserungen vorgenommen, welche die Maschinen am Boden halten. Die Piloten können also nicht fliegen und nutzen die Simulatoren. Doch die Simulator-Stunden werden gekürzt, weil Geld fehlt. Die Schulhubschrauber können aus ähnlichen Gründen nicht fliegen, und man muss Flugstunden beim ADAC kaufen. Eine Lachnummer!

Beim Transporthubschrauber NH90 ist es dasselbe. Die Piloten betteln förmlich um Flugstunden, können sie aber nicht ableisten.

Oder die U-Boote der Klasse 212A. Die Besatzungen wollen ihren Dienst tun. Sie wollen die Simulatoren nutzen. Und können es nicht.

Dabei reden wir hier von höchst komplexen Waffensystemen. Deren Handhabung benötigt Besatzungen, die ständig auf dem neusten Stand der Ausbildung gehalten werden. Die Besatzungen müssen üben, in Simulatoren und am echten Gerät. Ersatzteile und Ausrüstung müssen in ausreichender Stückzahl vorhanden sein, um die Erfüllung des Auftrags gewährleisten zu können. Und das unter den denkbar schlechtesten, also kriegsmäßigen Bedingungen.

Wer denkt, es ginge auch anders, der glaubt auch daran, dass Wiederbelebungsmaßnahmen bei einem Grillhähnchen etwas bewirken.

Kleiner Scherz.

 

Fazit

Leider bleibt einem das Lachen in Halse stecken, wenn Politiker wie Wolfgang Schäuble öffentlich verkünden, Deutschland brauche gar keine Bundeswehr mehr. Das sehe ich anders. Deutschland braucht die Bundeswehr, mehr und dringender als je zuvor, und wir brauchen eine Wehrpflicht. Aber auch das ist nur meine Meinung.

Viele meinen, dass für die Bundeswehr zu viel Geld ausgegeben wird. Teilweise stimmt das. Aber das liegt nicht an der Bundeswehr, sondern daran, dass das Geld die Streitkräfte gar nicht erst erreicht. Vielmehr landet es bei diversen Rüstungskonzernen, die von der Politik den Auftrag zur Ausrüstung, Versorgung und Ausbildung der Armee erhalten haben. Und natürlich, um die Lieblingsprojekte von Industrie und Politik zu fördern. Man sollte sich das merken: Die gleichen Politiker, die für Fehlbeschaffungen der Bundeswehr verantwortlich sind und ständig das Verteidigungsbudget zweckentfremden, wechseln nach Ende ihrer Politkarriere nicht selten in die Führungsetagen genau der Rüstungskonzerne, an die sie immer die Aufträge vergeben haben. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt …

 

Zum Autor

Stefan Köhler stand als KFOR- und ISAF-Einsatzveteran in Afghanistan im Kampfeinsatz und ist dort verwundet worden. Niemand vermag die Schrecken des Krieges so schonungslos aufs Papier zu bringen wie jemand, der sie am eigenen Leib erfahren hat. Stefan Köhler schreibt auf den Punkt, seine Texte lassen den Leser nicht mehr los.

Für den EK-2 Verlag hat er 2018 zwei Einsatzberichte beigesteuert: Krieg in Afghanistan und Im Fadenkreuz. Auch für das Jahr 2019 ist er als Autor der Reihe gesetzt.

 

Stefan Köhler ist der Autor mehrere Einsatzberichte. Finde seine Bücher auf Amazon:

Einsatzbericht – Krieg in Afghanistan 

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