Beispiel Tiger

von Stefan Köhler

Nicht so schlecht wie sein Ruf

Wenn man über die mangelhafte Ausrüstung der Bundeswehr spricht, muss man leider auch den EC 665 Tiger von Airbus Helicopters, vormals Eurocopter, erwähnen.

Der Tiger ist ein zweisitziger Kampfhubschrauber, dessen Anfänge über 30 Jahre zurückreichen. Nach vielen Diskussionen einigten sich Deutschland und Frankreich 1984 auf die gemeinsame Entwicklung eines Kampfhubschraubers. Der Erstflug erfolgte im April 1991; die ersten Serienmaschinen erhielt die Bundeswehr im April 2005 – und noch immer ist dieses Waffensystem nicht voll einsatzbereit.

Der Tiger ist dabei gar nicht so schlecht wie sein Ruf. Die Franzosen haben die Maschine bei Kämpfen in Libyen und Mail eingesetzt und sind mit ihren Leistungen sehr zufrieden. Das Problem ist wieder einmal der deutsche Sonderweg. Immerhin, es werden nun Vorschläge für eine Kampfwertsteigerung diskutiert, die – eventuell und wenn dafür die Gelder genehmigt werden – nach 2020 umgesetzt werden könnte.

 

Vorsorge wäre besser gewesen als Nachsorge …

Ein Millimeterwellenradar, eine neue Lenkwaffe und die Fähigkeit, Drohnen zu steuern, möchte man nachrüsten. Nun, es sind bereits Systeme im Einsatz, die genau über diese Fähigkeiten verfügen. Ein erprobtes Millimeterwellenradar (MMW) ist beispielsweise im amerikanischen AH-64D von Boeing eingebaut. Das AN/ASQ-170 kann in weniger als einer Minute bis zu 128 Ziele erkennen und klassifizieren. Es besitzt eine Reichweite von bis zu acht Kilometern. Ebenso kann die Besatzung eines AH-64E bereits heute im Einsatz befindliche Drohnen (UAV) kontrollieren, zu Aufklärungszwecken auf ihre Daten zugreifen und gegebenenfalls sogar einen Angriff mit ihnen fliegen. Die Bundeswehr verfügt überhaupt nicht über eine Kampfdrohne und die geleasten Heron-Aufklärungsdrohnen lassen sich nur von einer Bodenstation aus steuern. Eine europäische Kampfdrohne existiert nur auf dem Papier, und wird – falls überhaupt – erst weit nach 2025 erscheinen.

Das TADS-FCR (Target Arquisition and Designation System-Fire Control Radar) wird nicht nur im AH-64D verwendet, sondern soll auch in die italienischen AH-129D Mangusta und die türkischen T129 (Lizenzbau der A129) eingebaut werden.

Um ein MMW in den Tiger einzurüsten, müsste man entweder das Mastvisier über der Kanzel positionieren oder auf das französische Strix-Visier zurückgreifen, welches bereits an dieser Stelle eingebaut ist. Alternativ könnte man auch im Bug entsprechende Systeme einbauen, wie es etwa beim im Agusta A129 verwendeten Sensorturm TOPLITE III gemacht worden ist – ein Gerät, das bereits einsatzerprobt ist.

 

Lenkwaffen für den Tiger

Es existieren auch europäische Lenkwaffen, die sich für den Tiger verwenden ließen. So wäre die Brimstone, eine britische Weiterentwicklung der AGM-114 Hellfire, zu nennen, die bereits von den Apache Mk.I der Royal Army eingesetzt wird. Der Tiger könnte damit hochwertige Ziele wie feindliche Panzerfahrzeuge oder Bunker auf eine Entfernung von bis zu zwölf Kilometern bekämpfen. Zur Zielsuche nutzt die Brimstone einen aktiven Radarsuchkopf, weshalb sie sehr teuer ist.

Wesentlich billiger ist die Spike. Die Spike-ER hat eine Reichweite von bis zu acht Kilometern. Durch die Datenübertragung per Glasfaserkabel ist es sowohl möglich, während des Fluges der Rakete auf ein anderes Ziel umzuschalten, als auch die Rakete ohne Sichtkontakt zum Ziel zu starten und ihr erst während des Fluges ein Ziel zuzuweisen. Als Lenksystem kommt dafür ein Infrarot-Sensorsystem zum Einsatz, das je nach Version mit CCD, Infrarotsucher oder beidem ausgestattet ist. Die Spike wird bereits auf dem deutschen Schützenpanzer Puma eingesetzt; das System ist in der Bundeswehr also grundsätzlich vorhanden.

Für weniger hochrangige Ziele käme eventuell die Lightweight-Multirole-Missile (LMM) mit acht Kilometern Reichweite in Frage. Diese Lenkwaffe kann gegen Luft-, Boden- und Seeziele eingesetzt werden und ist erheblich billiger als die derzeit genutzte PARS-3LR.

 

Gute Erfahrungen

Unter Einrechnung der Entwicklung würde ein einziger Schuss mit einer PARS-3LR rund 1,3 Mio. Euro kosten. 680 Raketen wurden am 30. Juni 2006 für 380 Mio. Euro bestellt. Der Bedarf an diesen Raketen wurde in Deutschland im Jahre 1982 angemeldet, die Auslieferung erfolgt in den Jahren 2015 bis 2018. Die Briten nutzen die LMM bereits auf ihren AW159 Wildcat und Apache Mk.I und haben damit gute Erfahrungen gemacht. Mit den LMM soll auch die Aufklärungs- und Kampfdrohne Schiebel Camcopter S-100 bewaffnet werden, wenn diese denn irgendwann einmal auf den Korvetten der Braunschweig-Klasse (K130) in Dienst geht.

Um ein »weiches« Ziel zu zerstören, etwa einen Toyota-Pickup (der IS hat ja buchstäblich Tausende dieser Fahrzeuge von seinen anonymen Unterstützern erhalten), wäre die LMM mit ihrem 3-Kilogramm-Gefechtskopf ausreichend und zudem eine kostengünstige Waffe.

Die ungelenkten Raketen der deutschen Tiger mit dem System APKWS auszurüsten, wäre eine weitere sinnvolle Maßnahme, um diese Waffe präziser zu machen. Im Klartext bedeutet dies, die Raketen erhalten einen Lasersuchkopf und können so »beleuchtete« Ziele auffassen und ansteuern.

 

Der unglückliche Sonderweg mit der Bordkanone

Die kostengünstigste Kampfwertsteigerung würde der Einbau einer Bordkanone in die deutschen Tiger darstellen. Würde man die Bugsektion ändern ober gegen das Waffenkinn jener Version austauschen, über die Frankreich, Spanien und Australien verfügen, sollte die Umrüstung auf ein Bordgeschütz ohne langjährige Erprobung machbar sein. Natürlich sollte man dann auch die bereits bewährte französische GIAT-Kanone AM-30781 einrüsten, statt einmal mehr den nationalen Extraweg zu wählen.

Die AM-30781 ist eine äußerst präzise Waffe, laut Einsatzberichten der ALAT (französische Heeresflieger) soll die Abweichung auf 3.500 Metern Entfernung beim ersten Schuss bei unter vier Metern liegen. Die von den deutschen Maschinen mitgeführten MG-Behälter haben maximal eine Reichweite von 1.500 Metern. Noch wichtiger: Für den Waffeneinsatz der Behälter zielt man mit dem ganzen Hubschrauber, der während des Angriffs weiterhin auf den Gegner zufliegen muss. Dabei setzt man die eigene Maschine natürlich feindlichem Beschuss aus. Eine Bordkanone dagegen ist schwenkbar; die Besatzung kann ihren Hubschrauber auf einem parallelen Kurs zum Ziel halten und muss sich nicht auf mehr als drei Kilometer annähern, was außerhalb der Reichweite von Handwaffen und raketengetriebenen Granaten wie der RPG-7 liegt.

 

Kommen wir nun zu den Kosten

Die Kosten für einen neuen AH-64D Apache Longbow beliefen sich 1996 auf 18 Millionen US-Dollar, die Nachrüstung des Longbow-Radars kostet etwa vier Millionen USD. Die Türkei bezahlte für die ersten zehn T129 rund 20 Millionen USD. Deutschland zahlt für seine Tiger rund 36 Millionen Euro pro Stück; die Franzosen, Spanier und Australier etwa 24 Millionen Euro. Die Bundeswehr zahlt also mehr als die übrigen Nutzer, und das für ein nicht voll funktionsfähiges Modell ohne Bordkanone.

Wir sehen, es gibt genug Möglichkeiten, den Tiger zu verbessern. Dabei könnten auch bereits vorhandene Lenkwaffen und Systeme zum Einbau kommen. Mit diesen Lösungen »von der Stange« ließen sich in erheblichem Maße Entwicklungszeit und -kosten einsparen, was ja nicht ganz unwichtig ist. Man muss eben nicht immer »Maßanfertigungen« anstreben. Manchmal ist das teuerste Angebot auf dem Markt nicht auch gleich das Beste – eine Lektion, die man im Beschaffungsamt der Bundeswehr und in der Politik endlich lernen sollte. Das geradezu starrsinnige Verharren der maßgeblichen Stellen in Denkmustern, die aus der Zeit des Kalten Krieges stammen, soll … nein … darf nicht als Entschuldigung für die Gefährdung des Lebens unserer Soldaten herhalten. Andere Nationen haben dieses Umdenken längst vollzogen und entsprechend reagiert – weshalb sollte das bei der Bundeswehr nicht ebenfalls möglich sein?

Welche oder ob überhaupt eine Kampfwertsteigerung an den deutschen Tigern vorgenommen wird, ist am Ende des Tages natürlich eine Frage des Geldbeutels. Für unsere fliegenden Besatzungen wären derartige Maßnahmen jedoch wünschenswert, denn sie sollten über das bestmögliche Material verfügen, und nicht mit unzureichenden Mitteln in den Einsatz geschickt werden.

Material kann man ersetzen. Das Leben unserer Soldaten nicht.

 

Zum Schluss: Der Tiger, der 2017 während des Einsatzes in Mali verloren gegangen ist, soll aufgrund Versagens des Autopiloten abgestürzt sein. Die beiden Besatzungsmitglieder sind dabei ums Leben gekommen.

 

Zum Autor

Stefan Köhler stand als KFOR- und ISAF-Einsatzveteran in Afghanistan im Kampfeinsatz und ist dort verwundet worden. Niemand vermag die Schrecken des Krieges so schonungslos aufs Papier zu bringen wie jemand, der sie am eigenen Leib erfahren hat. Stefan Köhler schreibt auf den Punkt, seine Texte lassen den Leser nicht mehr los.

Für den EK-2 Verlag hat er 2018 zwei Einsatzberichte beigesteuert: Krieg in Afghanistan und Im Fadenkreuz. Auch für das Jahr 2019 ist er als Autor der Reihe gesetzt.

 

Stefan Köhler ist der Autor mehrere Einsatzberichte. Finde seine Bücher auf Amazon:

Einsatzbericht – Krieg in Afghanistan 

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