Schatten der Erinnerung

von Hartmut Schober

Schatten der Erinnerung – eine Kurzgeschichte von Hartmut Schober

… über Gefallene der Bundeswehr, von Gesellschaft und Politik allzu oft vergessen …

 

Thomas dachte an seine Frau Susanne und seine beiden Töchter, als er gedankenverloren das Treiben auf den Straßen von Kabul beobachtete. Der Staub auf den Scheiben des Bundeswehrbusses ließ nur einen verschleierten Blick zu, aber das machte nichts, auf dem Weg nach Hause war die Aussicht ohnehin egal. Sein Freund Wolfgang, der neben ihm saß, stellte wie immer sein dämliches Dauergrinsen zur Schau, das ihm nicht einmal nach mehreren Monaten in Afghanistan vergangen war. Sie waren an diesem Samstagmorgen bereits um 7:45 Uhr mit ihrem Konvoi aus dem Camp zum Flugplatz aufgebrochen – an der Spitze ein Wolf-Geländewagen als Begleitschutz, dann ein mit Gepäck beladener Bus, der zweite Bus mit den Heimkehrern des Aufklärungsbataillons aus Frankenberg, ein holländischer Lkw mit weiterem Gepäck und zum Abschluss des Konvois ein weiterer ungepanzerter Wolf. Auf der Route Violett nahe dem deutschen Camp Warehouse herrschte samstags wenig Verkehr. Der Konvoi kam gut voran, musste aber am Spaghetti-Camp, wie das Lager der Italiener im Truppenjargon genannt wurde, kurz halten, um weitere Militärfahrzeuge auf die Straße einbiegen zu lassen. Schon ging es auch weiter zum Flughafen. Dann näherte sich dem Konvoi plötzlich ein weißgelbes Taxi, das versuchte, den zweiten Bus zu überholen, erst auf der rechten Seite, dann auf der linken. Schließlich fuhr das Taxi neben den vollbesetzten Bus und im nächsten Augenblick zerriss ein gewaltiger Knall den Hintergrundlärm des Verkehrs.

 

Der grelle Blitz einer Detonation flackerte,

Tausende Splitter von berstenden Scheiben und Schrapnelle aus Trümmerteilen flogen durch die Luft. Die Druckwelle der im Taxi versteckten 150-Kilo-Bombe des Selbstmordattentäters schleuderte den Bus wie ein Kinderspielzeug davon. Überall Blut, Trümmer und die gellenden Schreie der Verwundeten; und am Straßenrand standen grinsende Afghanen, welche die fremden Soldaten für ihre Sorglosigkeit und Dummheit auslachten. Unverletzte und leichtverletzte Soldaten versuchten, die Kameraden aus den Trümmern zu befreien. Die Männer, die auf der linken Seite des zweiten Busses saßen, hatte es am schlimmsten erwischt. Irgendwann trafen Kräfte zur Unterstützung ein. Verbündete Soldaten sicherten den Bereich des Anschlags nach allen Seiten ab. Afghanische Polizei vertrieb die feixende Menge und holländische Sanitäter begannen mit der Bergung der Opfer. Zwei deutschen Soldaten konnten sie nicht mehr helfen, ihre blutüberströmten und zertrümmerten Körper wurden nur noch durch ihre schusssichere Weste zusammengehalten. Andere waren derart stark verwundet, dass sie kurze Zeit später starben. Zusätzliche Kräfte trafen ein und begannen mit der Notversorgung der Verwundeten, bevor sie sie evakuierten. Thomas bekam noch mit, wie Helikopter landeten, um Verwundete auszufliegen. Ein CH-53 überflog den Bereich, dann wurde es schwarz um ihn.

Als sich Thomas‘ Blick klärte, spürte er die warme, weiche Hand seiner Frau Susanne, welche zärtlich die seine drückte. Er kam wieder vollständig in der Gegenwart an und merkte, dass er einmal mehr in seinen inneren Aufzeichnungen versunken gewesen war.

 

Hier im Wald der Erinnerung geschah dies besonders oft

Seit der Eröffnung 2014 waren sie schon mehrfach hier gewesen, um gefallene Kameraden zu ehren; und besonders, um ihrem Freund Wolfgang zu gedenken, der sie einst miteinander bekannt gemacht hatte und den Tag des Anschlages 2003 nicht überlebt hatte. Thomas und Susanne hatten zusammen auch das Ehrenmal der Bundeswehr besucht, das im Jahr 2009 auf dem Gelände des Verteidigungsministeriums am Bendlerblock in Berlin eingeweiht worden war. Es waren meist nur sehr wenige Menschen dort, da die Anlage zwar zentral gelegen, jedoch abseits der üblichen Besucherwege zu finden war. Der architektonisch sicher anspruchsvolle Bau bestand aus einem öffentlich zugänglichen Betonquader von 41 Metern Länge, acht Metern Breite, zehn Metern Höhe und einer Bronzehülle, die an die Erkennungsmarke des deutschen Soldaten erinnern sollte; er wirkte aber leider nur wenig einladend – innen wie außen. Im Inneren befand sich ein schwarzer Raum der Stille. Eine Videoinstallation projizierte die Namen der Gefallenen für jeweils fünf Sekunden. An der Wand war eine Inschrift zu lesen:

 

»Den Toten unserer Bundeswehr für Frieden, Recht und Freiheit«

Alles sehr dunkel, düster und kalt. Es erinnerte Thomas als auch Susanne an eine Gruft – kein Ort für liebevolle Erinnerungen an Freunde und Kameraden. Der Wald der Erinnerung war da besser geeignet, um das Gedenken zu pflegen und den gefallenen Kameraden die Ehre zu erweisen. Er sollte ursprünglich nur die Ehrenhaine aus den jeweiligen Einsatzgebieten aufnehmen, wurde aber schon bald zu einer Anlaufstelle für die aktiv gelebte Trauer vieler Angehörige, Kameraden und Freunde gefallener Soldaten. Leider wurde auch dieser Ort der Besinnung sehr abgelegen in einem Waldstück nahe der Henning-von-Treschkow-Kaserne in Geltow angelegt, sodass viele Trauernde den weiten Weg scheuten. Man war hier oft allein mit sich und seinen Erinnerungen. Bekannte und Freunde des Ehepaares, denen sie von ihren Besuchen dort berichtet hatten, waren erstaunt, dass solch ein Ort überhaupt existierte. Auch das Ehrenmal der Bundeswehr in Berlin war den wenigsten bekannt – meist nur denen, die direkt von einem Verlust betroffen waren.

 

Thomas wischte sich eine Träne aus dem Auge

und wandte sich seiner Frau zu. Sie hatte ihn immer unterstützt und war ihm auch jetzt eine große Hilfe. Für nichts war er Wolfgang so dankbar wie für die Bekanntschaft zu Susanne. Wolfgang war auch der Patenonkel ihrer ältesten Tochter Marie und nach Thomas wohl der stolzeste Mann bei ihrer Geburt gewesen. Thomas und Susanne waren sich einig, Marie von ihrem Patenonkel zu erzählen, so oft sie nur konnten.

Denn wahrhaft tot ist jemand erst, wenn er vergessen worden ist.

 

Zum Autor

Jahrgang ’71, Reservist der Bundeswehr, Waffenexperte und tätig in der Rüstungsindustrie. Wer mehr über diesen vielseitigen Autor erfahren möchte, sollte sein Debütwerk »Plan B« nicht verpassen – ab November 2018 im EK-2 Verlag erhältlich.

 

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