Wie die Bundeswehr auf einen voll funktionsfähigen Kampfhubschrauber verzichtete

von Stefan Köhler

 

Der Hind Kampfhubschrauber im Dienste der Bundeswehr?

Dass es bei der aktuellen Ausrüstung der Bundeswehr nicht unbedingt zum Besten steht, ist inzwischen hinlänglich bekannt und mit vielen traurigen Beispielen belegt. Schiffe und U-Boote, die nicht auf See eingesetzt werden können … Panzer und andere Fahrzeuge, die nicht fahren … Flugzeuge und Hubschrauber, die nicht fliegen. Dabei hätte alles auch ganz anders kommen können, zumindest, was die Kampfhubschrauber angeht. Denn – man lese und staune – die Bundeswehr hatte ein voll funktionsfähigen und zudem kampferprobten Modell in ihrem Bestand: den Mi-24 Hind Kampfhubschrauber.

Davon haben Sie noch nie gehört?

 

Eine kurze Rückblende

Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik endete die Geschichte der Nationalen Volksarmee. Die Ausrüstung und Waffensysteme der NVA gingen in den Bestand der Bundeswehr über. Dort wurden die neu hinzugewonnenen Systeme einer umfassenden Untersuchung unterzogen und dann entweder an verbündete und befreundete Staaten abgegeben oder verschrottet. Die einzige Ausnahme bildeteten die 20 einsitzigen MiG-29A und die vier zweisitzigen MiG-29UB, die von der Luftwaffe übernommen und bis August 2004 beim JG 73 Steinhoff verwendet wurden.

Die Luftstreitkräfte der NVA nutzten jedoch auch einen Kampfhubschrauber, der selbst heute noch zu den Besten der Welt zählt: den Mil Mi-24, Nato-Codename Hind. 42 Mi-24D und zwölf Mi-24P befanden sich bis 1990 bei den Kampfhubschraubergeschwadern 3 und 5 im Dienst. Einige dieser Hubschrauber wurden bis 1993 bei der WTD-61 in Manching ausgibig getestet. Als dann nicht mehr genügend Ersatzteile zur Verfügung standen, wurden etliche Mi-24 an Polen und Ungarn abgegeben. Andere Maschinen endeten in Museen. Jeweils eine Mi-24D und Mi-24P verschenkte die Bundesregierung an die USA, wo sie noch heute zur Feinddarstellung eingesetzt werden.

Sowohl ehemalige NVA-Piloten als auch solche der Bundeswehr gaben später an, dass der Hind Kampfhubschrauber der beste Hubschrauber sei, den sie je geflogen seien.

Link: Mi-24 im Dienst der NVA

 

Die Politik konnte oder wollte nicht

Ein Teil der übernommenen Maschinen war zur Wendezeit nagelneu, quasi noch nicht mal richtig eingeflogen. Ein Weiterbetrieb der Mi-24 wurde von einem Teil der Armeefühung als sinnvoll erachtet, zumal sich der Hind Kampfhubschrauber für die zukünftigen Aufgaben der Bundeswehr perfekt eignete: Auslandseinsätze im Rahmen friedenserhaltender und -erzwingender UN-Missionen.

Doch der Hind sollte in der Bundeswehr nie eine reale Chance haben.

Der überwiegende Teil der Politik konnte oder wollte mit dem Mi-24 nichts anfangen. Für die einen war der waffenstarrende Hind viel zu martialisch, für die anderen war alles, was aus dem Osten kam, schlichtweg Schrott. Hinzu kam eine verkrustete Denkweise innerhalb der damaligen Führung der Bundeswehr. Statt sich den gegebenen Verhältnissen anzupassen, plante man in der Hardthöhe immer noch für Panzerschlachten in den deutschen Tiefebenen – ein Denken, dass schließlich zum PAH-2 führte, heute bekannt als Tiger.

Zwar hatte es in der Bundesrepublik bereits in den 1960er-Jahren Versuche gegeben, den UH-1D zu bewaffnen, diese waren jedoch verworfen worden, weil sich ein handfester Streit zwischen Heer und Luftwaffe zu entwickeln drohte. Die Luftwaffe beharrte auf ihrem Standpunkt, dass alles, was den Gegner aus der Luft bekämpfte, zur Luftwaffe gehören musste. Punkt! Kampfhubschrauber für das Heer kamen nicht in Frage.

 

Geburt eines neuen Hubschraubertyps

Doch auch im Heer gab es Widerstand gegen das Konzept des Kampfhubschraubers. Für die Generäle galt: Gegen Panzer helfen nur Panzer! Sie wollten die Bundeswehr mit einem modernen Kampfpanzer ausrüsten und die als völlig wertlos angesehenen US-Modelle loswerden. Aus dieser Eingabe heraus entstand schließlich der Leopard 1, der vielleicht beste westliche Kampfpanzer der 1960er und -70er-Jahre. Seine Beschaffung hatte oberste Priorität und war entsprechend teuer. Ein Hubschrauber zur Panzerbekämpfung war aus Sicht der Förderer des »Leos« ein direkter Konkurrent. Und so wurde das Thema für etwa zehn Jahre begraben.

Doch die Entwicklung war nicht aufzuhalten. Die Amerikaner bewiesen in Vietnam den Wert des Kampfhubschraubers und auch die Sowjets legten mit dem Mi-24 ein erstklassiges Modell vor. Langsam dämmerte auch der Bundeswehrführung, dass man dabei war, den Anschluss an die modernen Entwicklungen auf dem Gefechtsfeld zu verlieren. Nach langem Hin und Her einigte man sich mit der Luftwaffe darauf, dass das Heer eine begrenzte Zahl an Panzerabwehrhubschaubern erhielt. Diese durften jedoch nur gegen Panzer eingesetzt werden, und das auch nur über eigenem Gebiet. Angriffe auf das feindliche Hinterland, wie Amerikaner und Sowjets dies mit ihren Helikoptern praktizierten, waren ausdrücklich verboten. Um dieses Credo jedem begreiflich zu machen, wurde das Wort »Kampfhubschrauber« insgesamt vermieden.

Der Begriff des »Panzerabwehrhubschraubers« war geboren. Als PAH-1 wurde der Bo 105 ausgewählt und mit Flugkörpern versehen. Die Heeresflieger waren nun endlich in der Lage, feindliche Panzer zu bekämpfen. Aber eben auch nur diese. Flugkörper sind teuer und werden in der Regel nur gegen hochwertige Ziele eingesetzt. Doch auf dem Gefechtsfeld gib es auch noch andere Ziele wie Lkw, Pkw, Flak oder einfache Soldaten, die eine Fla-Rakete (MANPADS) auf der Schulter tragen. Diese mit den teuren Flugkörpern zu bekämpfen, verbot sich allein schon aus Kostengründen von selbst. Solche Ziele bekämpft man mit ungelenkten Raketen oder mit Bordkanonen. Die besaß der PAH-1 aber nicht. Auch der PAH-2 sollte nur mit Lenkwaffen bestückt werden. Allerdings musste man sich der Realität zumindest dergestalt beugen, dass der Tiger mit ungelenkten Raketen und MG-Behältern bestückt werden kann (siehe meinen Blog-Beitrag über den Tiger).

Link: Mi-24 im Museum

 

Kampfhubschrauber sind böse

Als die Bundeswehr 1990 in den Besitz der ehemaligen NVA-Hind gelangte, war sie schlichtweg überfordert. Man wusste einfach nicht, wie man den Mi-24 Hind Kampfhubschrauber sinnvoll nutzen konnte, da jede Erfahrung fehlte und das dazugehörige taktische Konzept schlichtweg nicht vorhanden war. Auslandseinsätze wie in Somalia wurden mit den alten »Teppichklopfern«, also den UH-1D, absolviert. Diese mussten jedoch zunächst einmal mit einem provisorischen Panzerschutz nachgerüstet werden und litten unter den harten klimatischen Bedingungen Ostafrikas. Die damals eingesetzten UH-1D waren kaum in der Lage, vom Boden abzuheben, geschweige denn, eine vernüntige Last zu transportieren. Die für diese Art von Einsätzen optimal ausgestatteten Hind Kampfhubschrauber ließ man derweil lieber daheim.

Kampfhubschrauber sind ja auch böse. Die braucht die Bundeswehr doch gar nicht. In den Augen der Politik ist die Bundeswehr so eine Art bewaffnetes THW. Deutsche Soldaten sollen Winken und Lächeln (bei uns ISAF-Veteranen bekannt als Wave and Smile), während sie Brunnen bohren und Mädchenschulen bauen. Von Gefechten haben wir uns möglichst fernzuhalten und benötigen deshalb natürlich auch keine Unterstützung durch Kampfhubschrauber.

Pustekuchen!

Die Realität in Afghanistan sah zu meiner Zeit ganz anders aus.

Während unseres ISAF-Einsatzes mussten wir erleben, wie polnische Kameraden durch Mi-24 unterstützt wurden, die zum Teil aus ehemaligen NVA-Beständen stammten. Wir hingegen mussten amerikanische Apache anfordern und konnten nur hoffen, dass diese nicht anderweilig benötigt wurden. Denn schließlich unterstützt jeder Kommandeur zuerst seine eigenen Männer, bevor er Hilfe zu den Verbündeten schickt. Das klingt hart, ist aber durchaus verständlich. Man ist zuerst den eigenen Leuten verpflichtet, dann kommen die anderen.

Würden Sie mich fragen, ober der politisch bedingte Verzicht auf die Mi-24 in Afghanistan das Leben von deutschen Soldaten gekostet habe, so müsste ich diese Frage mit einem »Ja« beantworten.

Link: Mi-24 Super Hind Mk.V

 

Ein Lichtblick?

Denn oftmals reichte allein schon das Erscheinen der Kampfhubschrauber, um den Gegner zum Abbruch des Gefechts zu bewegen. Die Sowjets haben diese Erfahrung 30 Jahre vor uns gemacht, vielleicht hätte man daraus lernen sollen. Eigene und verbündete Truppen lieben die mächtigen, vor Waffen strotzenden Kampfhubschrauber am Himmel, der Feind hingegen fürchtet sie und das zu recht.

Immerhin, der Begriff »Kampfhubschrauber« ist innerhalb der Bundeswehr nicht mehr länger verpöhnt und es gibt auch wieder deutsche Kampfhubschraubergeschwader. Die verlorenen 20 Jahre hätte man sich allerdings sparen können. Und so mancher Kamerad wäre womöglich noch am Leben, hätten wir die mächtigen Hind Kampfhubschrauber in Afghanistan eingesetzt.

 

Zum Autor

Stefan Köhler stand als KFOR- und ISAF-Einsatzveteran in Afghanistan im Kampfeinsatz und ist dort verwundet worden. Niemand vermag die Schrecken des Krieges so schonungslos aufs Papier zu bringen wie jemand, der sie am eigenen Leib erfahren hat. Stefan Köhler schreibt auf den Punkt, seine Texte lassen den Leser nicht mehr los.

Für den EK-2 Verlag hat er 2018 zwei Einsatzberichte beigesteuert: Krieg in Afghanistan und Im Fadenkreuz. Auch für das Jahr 2019 ist er als Autor der Reihe gesetzt.

 

Stefan Köhler ist der Autor mehrere Einsatzberichte. Finde seine Bücher auf Amazon:

Einsatzbericht – Krieg in Afghanistan 

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3 Kommentare
  1. Judge
    Judge sagte:

    Ich teile Ihre Einschätzung, dass die Bw im Bereich der Luftnahunterstützung für die heutigen Einsatzprofile nachgebessern muss.
    Allerdings muss bezüglich der Übernahme der Hind Anfang der 90er fairerweise gesagt werden, dass ein Bw Out of Area Einsatz wie in Afghanistan oder Mali damals undenkbar war. Der kalte Krieg war gerade beendet und die Hind musste wie ein Relikt erscheinen. Ausserdem bestand wenig Neigung, Waffensysteme von der gerade zerfallenden SU zu unterhalten.

  2. Oliver Baumgart
    Oliver Baumgart sagte:

    Die Erfahrung, wie arrogant Ost-Wehrmaterial eingeschätzt wurde und letztlich ignoriert wurde, kann ich aus eigenem Erleben (Kp.chef) nur bestätigen.

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